«Meega guet!»: Als Zürich seine Werkstätten öffnete
Der Tag der urbanen Produktion 2026 im Rückblick
Sonnenschein, 25 Grad und Zürich in Entdeckungslaune: Am Samstag, 26. September, haben über 100 Manufakturen, Werkstätten, Ateliers und Produktionsbetriebe gezeigt, was alles in Zürich entsteht. Mehrere Tausend Besucher:innen machten sich auf den Weg.


Es riecht nach frischer Seife, gerösteten Kaffeebohnen und Sägemehl. Vor den Kaffeebars von ViCAFE stehen die Leute meterweit an, bei Soeder wartet man geduldig auf den Einlass in die Seifenfabrik. Niemand scheint es eilig zu haben. Überall hört man angeregtes Gschwätz und Kinderlachen, man tauscht Tipps aus, welche Werkstatt man unbedingt noch sehen muss. «10 von 10, meega guet!», fasst eine Besucherin ihren Tag zusammen. Treffender kann man es kaum sagen.
Vom kleinen Atelier bis zum Grossbetrieb, von der Schreinerei über die Schokoladenmanufaktur bis zur Mineralwasserabfüllerin öffneten Betriebe aus allen Branchen ihre Türen und liessen sich über die Schulter schauen. Und viele Besucher:innen staunten, was da alles mitten in ihrer Stadt entsteht. «Es öffnet einem die Augen, was sonst für tolle Produkte in der Stadt hergestellt werden», meinte ein Besucher.
Als die Stadt noch schlief
Der Tag der urbanen Produktion begann eigentlich schon am Vorabend. Am Freitag lud die Bäckerei Jung seit 1976 zu drei geführten Rundgängen durch ihre Backstube. Die Gäste erlebten den Nachtbetrieb hautnah und sahen, wie Brot und Gebäck für den nächsten Morgen entstehen.
Um 5 Uhr früh, als die meisten noch schliefen, ging es weiter: Marinello & Co gewährte einen seltenen Blick hinter die Kulissen des Engrosmarkts, dort, wo die Frische für Zürichs Küchen umgeschlagen wird. Ab 11 Uhr öffneten dann die übrigen Betriebe bis 17 Uhr ihre Türen. In 11 Stadtkreisen wiesen pinke Ballone den Weg.
Grosse Hallen, tiefe Keller
Wer glaubt, urbane Produktion finde nur in kleinen Ateliers statt, wurde an diesem Tag eines Besseren belehrt. Auch grosse Betriebe liessen sich in die Karten schauen, und genau hier zeigte sich, wie viel Zürich noch immer selbst herstellt.
Die Verkehrsbetriebe Zürich öffneten ihre Zentralwerkstätte in Zürich-Altstetten und damit Produktionshallen, die sonst kaum jemand von innen zu sehen bekommt. Unter dem Motto «Vom Blech zur Haltestelle» erlebten die Besucher:innen, wie das VBZ-Signet entsteht, das uns täglich an jeder Tram- und Bushaltestelle begegnet. Wer künftig auf sein Tram wartet, wird das vertraute Schild wohl mit anderen Augen sehen. Die 50 Plätze waren nur einen Tag nach Aufschaltung des Programms vergeben.
Auch bei der Angst ging es um Dimensionen, die man mitten in der Stadt kaum erwartet. Der Lebensmittelproduzent verarbeitet auf dem Schlachthofareal jede Woche rund 125 Tonnen Fleisch. In drei Führungen zeigte das Team, wie viel Handwerk, Logistik und Know-how in einem solchen Betrieb stecken, und dass die Wurst auf dem Teller oft näher herkommt, als man denkt.
Und dann ging es in die Tiefe: Bei Züripilz staunten die Besucher:innen, was sich unter der Stadt verbirgt. In einem stillgelegten Wasserreservoir am Uetliberg wächst eine grosse Pilzzucht, als erste Demeter-zertifizierte Pilzfarm der Schweiz. Im kühlen, feuchten Dunkel reihen sich die Kulturen aneinander, aus denen Austernseitlinge und andere Edelpilze spriessen. Ein Ort, der zeigt, wie erfinderisch Stadtlandwirtschaft heute ist.
Nicht nur schauen, selber machen
Wer nur zuschauen wollte, verpasste an diesem Tag die Hälfte. Denn an vielen Orten hiess es: Ärmel hochkrempeln und mitmachen. An langen Tischen wurden T-Shirts bedruckt, Tassen und Teller mit Keramikfarbe verziert, und in Töpfer-Crash-Kursen formten Anfänger:innen ihre ersten eigenen Schalen aus Ton. Wer lieber mit der Nase und dem Gaumen arbeitet, testete auf einem Kaffeesensorik-Parcours, wie viele Aromen in einer einzigen Bohne stecken. Anderswo verzierten Gross und Klein Schokoladentafeln nach eigenem Geschmack, surrten die Nähmaschinen für selbstgenähte Haargummis, und es entstanden Schlüsselanhänger, die man stolz nach Hause trug.

Genau das macht den Tag so besonders: Man versteht ein Handwerk erst richtig, wenn man es selbst ausprobiert hat. Und man schaut ein Produkt danach mit ganz anderen Augen an. Viele gingen nicht nur mit neuen Eindrücken nach Hause, sondern mit etwas Selbstgemachtem in der Tasche.
Unterwegs mit den Macher:innen
Wer tiefer eintauchen wollte, schloss sich einer der sechs geführten Touren an. In kleinen Gruppen ging es zu jeweils drei Betrieben, und überall warteten Menschen, die mit sichtbarer Freude von ihrer Arbeit erzählten.
Auf der Handwerks-Tour ging es vom Drechseln übers Schreinern bis zum Goldschmieden, auf der Design-Tour drehte sich alles um Restaurieren und Upcycling. Die Interior-Tour zeigte, wie Möbel, Textilien und Räume langlebig gestaltet werden, während die Textil-Tour den Kreislauf von der Reparatur bis zum kompostierbaren Material nachzeichnete. Besonders sportlich unterwegs war die Food-Tour: Mit dem Velo ging es von Stadthonig über Zürcher Bier bis zu gerettetem Gemüse, und wer wollte, konnte unterwegs gleich ein FLINC Cargobike testen. Zürich Tourismus ergänzte das Angebot mit einer eigens kuratierten «Made in Zurich» Tour zu lokalen Produkten und Zürcher Design rund um den Hauptbahnhof.
So unterschiedlich die Touren waren, eines hatten sie gemeinsam: Sie machten sichtbar, wie viel Wissen und Leidenschaft hinter jedem Produkt steckt. «Es war ein toller, spannender und informativer Tag mit unglaublich engagierten Personen», schrieb uns eine Teilnehmerin nach ihrer Tour. Genau diese Begegnungen machen den Tag aus.

Viele Betriebe, ein Ort
Besonders beliebt waren die Produktions-Hubs. In der Werkstadt Zürich, auf dem YOND Campus und im MACH Gewerbehaus arbeiten zahlreiche Betriebe Tür an Tür. Hier liess sich an einem Nachmittag eine ganze Welt der Produktion entdecken, von der Grosswerkstatt bis zum kleinen Atelier. Und man sah, was entsteht, wenn Macher:innen sich Raum, Maschinen und Ideen teilen. «Sehr innovativ und spannend», lautete denn auch das knappe, aber klare Urteil eines Besuchers.
Ein eigenes kleines Universum war das Binzquartier. Rund um das House of Interiors, das Nähwerk Zürich und Social Fabric reihten sich Werkstätten und Ateliers aneinander, in denen Stoffe, Möbel und Räume Gestalt annehmen. Wer hier unterwegs war, spürte, wie viel kreative Energie in diesem Quartier steckt.
Grosse Eröffnung beim Provisorium
Und dann war da noch ein ganz besonderes Fest: DasProvisorium feierte an diesem Samstag die grosse Eröffnung seines neuen Standorts am Sihlquai. Rund um das Thema Essen war hier wahnsinnig viel los. Es wurde probiert, gefachsimpelt und genossen. Mittendrin: die Braugenossenschaft Gsöff, die im Provisorium ebenfalls ein neues Zuhause gefunden hat. Sie gewährte Einblick in ihre neue Brauerei und schenkte ihr «Bier usem Quartier» direkt vor Ort aus. Bald war klar: Dieser neue Ort hat das Zeug zum Treffpunkt für alle, die sich für gutes, lokal produziertes Essen und Trinken begeistern. Einen schöneren Rahmen für einen Neuanfang hätte man sich kaum wünschen können.
Warum urbane Produktion zählt
Hinter dem bunten Programm steht ein ernstes Anliegen. Wer in der Stadt produziert, schafft Arbeitsplätze nah bei den Menschen, hält Wissen und Handwerk lebendig und sorgt für kurze Wege zwischen Werkstatt und Kundschaft. Das gilt für die Goldschmiedin im Hinterhof genauso wie für den Grossbetrieb mit Hunderten Tonnen Produktion pro Monat. Reparieren, Upcycling und kreislauffähiges Gestalten, wie es viele der geöffneten Betriebe vormachen, zeigen, wie eine nachhaltige Stadt ganz konkret funktioniert. Und: Produktion macht Quartiere lebendig. Doch Werkstätten und Produktionshallen sind oft unsichtbar, versteckt in Hinterhöfen, Gewerbehäusern und sogar im Untergrund.
Genau hier setzt der Tag der urbanen Produktion an. «Unser Ziel ist es, diese Vielfalt sichtbar zu machen und den Werkplatz Zürich stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Dabei erzählen die Macherinnen und Macher ihre ganz persönlichen Geschichten und zeigen, wie viel Wissen, Kreativität und Innovation hinter den Produkten und Lösungen aus Zürich steckt», sagt das Team der Made in Zürich Initiative.
Dass diese Botschaft ankommt, zeigen die Rückmeldungen. «Ich finde es ein tolles Angebot», schrieb eine Besucherin. «Es fördert den Sinn der lokalen Produktion.» Schöner hätten wir es selbst nicht formulieren können.
Danke, Zürich!
Wir sind überwältigt, wie gross das Interesse war. Selten haben wir so viele neugierige, begeisterte Menschen erlebt. Das macht Lust auf mehr. Oder, wie es eine Besucherin formulierte: «Ich freue mich schon auf die nächste Durchführung!» Wir auch.
Ein solcher Tag gelingt nur gemeinsam. Ein grosses Dankeschön an alle teilnehmenden Betriebe, die mit so viel Herzblut ihre Türen geöffnet haben. Ebenso danken wir der Stadt Zürich, den Verkehrsbetrieben Zürich, der Ari App, unserem Mediapartner Tsüri sowie unseren Freund:innen von Open House Zürich und den Zurich Design Weeks.
Save the Date: Der nächste Tag der urbanen Produktion findet am Samstag, 2. Oktober 2027 statt. Wir freuen uns auf dich!




